Deutsche Formel 3 Michael Schumacher
Macau, Mexiko und ein ausgetauschtes Wort: Schumacher jenseits der Formel 1
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308 seiner 359 Rennen bestritt Michael Schumacher in der Formel 1. Von den übrigen 51 Starts fallen 37 in die Jahre 1989 bis 1991: zwei Formel 3 Saisons, die ein Punkt trennte, ein Sportwagenprogramm von Mercedes als Lehrjahr, der Kontakt mit Mika Häkkinen in Macau, ein annulliertes Debüt in Silverstone und ein ausgetauschtes Wort in einer Absichtserklärung. Die restlichen 14 kamen zwei Jahrzehnte später im Race of Champions dazu.
Am 25. November 1990 fuhr Mika Häkkinen auf dem Guia Circuit in Macau in der letzten Runde des zweiten Laufs auf Michael Schumacher auf. Häkkinen, in jenem Jahr Meister der britischen Formel 3, hatte die Pole geholt und den ersten Lauf gewonnen. Weil die Zeiten beider Läufe zum Gesamtergebnis addiert wurden, hätte es gereicht, im zweiten Lauf innerhalb von drei Sekunden hinter Schumacher zu bleiben. Er versuchte trotzdem zu überholen. Jahre später hat er Autosport erzählt, was er in diesem Moment gedacht habe: Er müsse ihn überholen, aber der sei so langsam gewesen, dass er dicht aufgefahren sei und den Windschatten mitgenommen habe ("But he was so slow, so I was running really close to him, catching the tow"). Und dann: "Ich zog zum Überholen heraus und konnte seine Augen im Rückspiegel sehen."
Es gab Kontakt. Häkkinen verlor den Gesamtsieg. Schumacher gewann den zweiten Lauf mit beschädigtem Heckflügel, nach Angaben von Autosport mit acht Sekunden Vorsprung, und damit die Gesamtwertung vor Mika Salo und Eddie Irvine. Dick Bennetts, Häkkinens Teamchef bei West Surrey Racing, hat die Rückkehr an die Box so beschrieben: Als er zurückgekommen sei, habe er geweint, der arme Kerl, und er selbst habe ihn dafür auch noch zusammengestaucht ("he was in tears, poor bloke, and I actually gave him a bollocking"). Die Berührung kostete den Finnen zusätzlich 20.000 Pfund, ausgesetzt als Prämie für den Gewinn beider Fernostrennen. Das zweite, am folgenden Wochenende in Fuji, gewann ebenfalls Schumacher.
Der Sieger dieses Tages bestritt später 308 Rennen in der Formel 1 und gewann 91 davon; über die ganze Laufbahn stehen 359 Starts und 107 Siege. Bleiben 51 Starts und 16 Siege außerhalb der Formel 1, verteilt auf sechs Serien. 37 davon fallen in drei Jahre zwischen 1989 und 1991, die übrigen 14 kamen zwei Jahrzehnte später im Showformat Race of Champions dazu. Zwischen der letzten Runde von Macau und dem ersten Grand Prix lagen neun Monate. Der Vertragstext, der über alles Weitere entschied, war zu diesem Zeitpunkt schon geschrieben: drei Tage vor dem Debüt, und in ihm war ein einziges Wort ausgetauscht worden.
Zwei Saisons, ein Punkt Unterschied
1987 wurde Schumacher deutscher und europäischer Kartmeister der Klasse A/100. 1988 fuhr er in der Formel König, einer deutschen Nachwuchsklasse, und wurde im selben Zeitraum Vizemeister in der Formel Ford; das Geld dafür kam vom Sponsor Jürgen Dilk. 1989 nahm ihn Willi Weber unter Vertrag und finanzierte beide Formel 3 Jahre in seinem Team WTS.
Die deutsche Formel 3 der Jahre 1989 und 1990 ist eine fast symmetrische Geschichte. 1989 umfasste die Meisterschaft zwölf Läufe vom 16. April bis zum 30. September. Schumacher fuhr für das ONS Nachwuchsteam / WTS Racing einen Reynard 893 mit VW Motor und gewann zwei Rennen, in Zeltweg auf dem Österreichring und auf dem Nürburgring. Am Ende der Saison standen Karl Wendlinger 164 Punkte, Heinz Harald Frentzen 163 und Michael Schumacher 163 zu Buche. Die ersten drei einer ganzen Saison trennte ein einziger Punkt. Wie der Gleichstand zwischen Frentzen und Schumacher aufzulösen ist, sagen die Quellen unterschiedlich: Die englischsprachige Wikipedia führt Frentzen als Zweiten, Schumachers eigene Website nennt ihn selbst als Zweiten.
In dieselbe Saison fällt der erste Auftritt in Macau. 1989 startete Schumacher dort mit der Nummer 32, gewann den ersten Lauf, holte die Pole für den zweiten und schied nach 20 Runden aus; der Gesamtsieg ging an David Brabham. Zwei Starts in Macau, ein Laufsieg, ein Ausfall und ein Jahr später der Ausgang, der ihn bekannt machte.
1990 wiederholte sich der Kalender verkürzt, elf Läufe vom 31. März in Zolder bis zum 13. Oktober in Hockenheim, doch das Kräfteverhältnis war ein anderes. Schumacher gewann fünf Rennen im Reynard 903 mit Opel Motor, nun unter dem Teamnamen West WTS Racing, und den Titel mit 148 Punkten vor Otto Rensing mit 117. Beide Saisons zusammen ergeben 23 Starts und sieben Siege. Den Schlusslauf in Hockenheim gewann ein Gaststarter aus der britischen Formel 3: Mika Häkkinen. Es war die erste Begegnung der beiden, sechs Wochen vor Macau.
Der Mann, der schon einmal ein Juniorteam gebaut hatte
Jochen Neerpasch arbeitete seit 1972 bei BMW und hatte dort ein Juniorteam aufgebaut. Im Januar 1989 wechselte er als Rennleiter zu Daimler Benz. Dort tat er dasselbe noch einmal, nur radikaler: Er nahm die drei Bestplatzierten der deutschen Formel 3 des Jahres 1989, also Wendlinger, Frentzen und Schumacher, und setzte sie in Sportwagen der Gruppe C, in Autos mit mehr als 700 PS.
Die Premiere der Mercedes Junioren datiert SPEEDWEEK auf den 8. April 1990, den Weltmeisterschaftslauf in Suzuka. Das Prinzip war eine Rotation an der Seite von Jochen Mass: Der Routinier fuhr durch, die drei jungen Fahrer wechselten sich als seine Partner ab. 1990 kamen Wendlinger und Schumacher auf je vier Einsätze, Frentzen wegen anderer Verpflichtungen nur auf einen.
Geschult wurde nicht allein das Fahren. Auf Schumachers offizieller Website ist nachzulesen, dass zum Programm der Umgang mit Presse, Ingenieuren und Sponsoren gehörte, das Auftreten bei offiziellen Anlässen und die Verständigung mit dem Team auf Englisch. Neerpasch baute also zum zweiten Mal ein Juniorteam, diesmal mit allem, was heute selbstverständlich ist. Schumacher selbst hat rückblickend gesagt, die hohen Geschwindigkeiten hätten ihm Spaß gemacht, und er glaube, das habe die Grundlage für sein späteres Gefühl im Formel 1 Auto gelegt.
Ein Debüt, das gestrichen wurde
Der erste Auftritt in der Gruppe C endete, bevor er begann. Beim 480 Kilometer Rennen von Silverstone am 20. Mai 1990 wurde der Sauber Mercedes mit der Startnummer 2, gemeldet für Mass und Schumacher, als nicht qualifiziert geführt: Die Zeiten waren gestrichen worden, weil dem Auto auf der Strecke von außen geholfen worden war. Autosport ergänzt, dass Mechaniker außerhalb der Boxengasse am Wagen gearbeitet hatten und Schumacher zusätzlich persönlich ausgeschlossen wurde, weil er auf der Rückfahrt angeblich nicht angeschnallt war. Der Fahrer, der später für seine Akribie berühmt wurde, begann seine Sportwagenlaufbahn mit einer Disqualifikation, ohne einen Rennkilometer gefahren zu sein.
Das eigentliche Renndebüt kam in Dijon, dem fünften Lauf jener Saison. Schumacher teilte sich den Sauber Mercedes C11 mit der Nummer 2 erneut mit Mass, das Auto wurde Zweiter, 3,8 Sekunden hinter dem Schwesterauto. Ein zeitgenössischer Bericht hob hervor, dass er einen Rückstand auf acht Sekunden verkürzte und dabei noch Sprit für den Schlussabschnitt von Mass sparte. Tempo und Haushalten zugleich, das beschreibt ziemlich genau sein späteres Markenzeichen. Das Auto, in dem er das lernte, leistete zwischen 730 und 850 PS und gewann in jenem Jahr sieben von acht Rennen.
Den ersten Sieg der Junioren holten im Sommer Wendlinger und Mass in Spa. Schumachers erster Sieg in einer Weltmeisterschaft kam am 7. Oktober 1990 beim 480 Kilometer Rennen von Mexiko, dem neunten und letzten Lauf der Saison, vor 40.000 Zuschauern im Autódromo Hermanos Rodríguez. Er kam durch die Hintertür: Jean Louis Schlesser und Mauro Baldi fuhren als Erste über die Linie und wurden danach wegen eines Tankvergehens disqualifiziert, wodurch Mass und Schumacher mit zwei Runden Vorsprung auf Bailey und Blundell im Nissan R90CK gewannen. Die schnellste Rennrunde fuhr Schumacher.
Das Jahr, in dem alles gleichzeitig lief
1991 saß Schumacher in vier Kategorien im Auto, und in der zweiten Jahreshälfte lief alles übereinander. Die Sportwagen Weltmeisterschaft umfasste acht Läufe vom 14. April bis zum 28. Oktober, und er war für sieben davon im Wagen mit der Nummer 2 gemeldet, für Le Mans in einem zweiten Auto. Wie viele dieser Rennen er tatsächlich bestritt, geben die Zählungen unterschiedlich an; sie reichen für die beiden Jahre 1990 und 1991 von sechs Starts bis zu zwölf Veranstaltungen. Unstrittig sind die beiden Siege: Mexiko 1990 mit Mass und Autopolis 1991 mit Wendlinger.
Le Mans fällt in diesem Jahr in die Mitte. Schumacher fuhr den Wagen mit der Nummer 31 von Team Sauber Mercedes gemeinsam mit Wendlinger und Fritz Kreutzpointner auf Platz fünf mit 268 Runden und stellte nachts mit 3:35,5 einen Rundenrekord auf. Welcher Fahrzeugtyp das war, ist unklar: Die englischsprachige Wikipedia zu diesem Rennen nennt an einer Stelle den C291 und listet denselben Wagen an anderer Stelle unter den Mercedes C11 der zweiten Kategorie. Gewonnen hat das Rennen der Mazda 787B von Johnny Herbert, Volker Weidler und Bertrand Gachot mit 362 Runden, während das Schwesterauto mit der Nummer 1 fast 17 Stunden führte und dann ausfiel.
Der Nachfolger des C11 war ein Rückschritt. Der C291 mit seinem Zwölfzylinder Boxermotor litt an porösen Motorblöcken und zu dünnen Zylinderwänden, anfangs standen nur 530 bis 540 PS zur Verfügung. Außer einem zweiten Platz in Silverstone blieb dem Auto ein einziger Sieg: der letzte Lauf der Saison, das 430 Kilometer Rennen von Autopolis am 28. Oktober 1991, gefahren von Wendlinger und Schumacher. Danach strich Mercedes das Sportwagenprogramm zugunsten eines Engagements in der Formel 1. In der Fahrerwertung der Weltmeisterschaft wurde Schumacher 1990 Fünfter und 1991 Neunter, beide Male punktgleich mit Wendlinger.
Daneben fuhr er Tourenwagen und Formelrennen in Japan. In der DTM saß er 1991 im Mercedes 190 E Evo II von Team Debis Zakspeed mit der Startnummer 20, und zwar beim sechsten Rennwochenende am Norisring und beim siebten in Diepholz; insgesamt sind für 1990 und 1991 fünf Starts verbucht, die deutschsprachige Wikipedia nennt ausdrücklich nur vier im Jahr 1991. Dazu kam ein einziger Start in der japanischen Formel 3000 für Suntory Team Le Mans in Sportsland Sugo, wo er Zweiter hinter Ross Cheever wurde. Und mitten in diese Terminlage hinein, am 25. August, kam die Formel 1.
Ein Wort entscheidet
Der Anlass war ein Straftatbestand. Bertrand Gachot, in jenem Jahr Gesamtsieger von Le Mans, sprühte einem Londoner Taxifahrer Reizgas ins Gesicht und wurde zu 18 Monaten Haft verurteilt. Sein Cockpit bei Jordan war frei. Für den Dienstag vor dem Rennen in Belgien setzte das Team einen Test auf dem kurzen Kurs von Silverstone an; die 80.000 Pfund dafür übernahm Weber. Teammanager Trevor Foster war nach der Darstellung von SPEEDWEEK beeindruckt und befand, Schumacher habe sich wie ein Fisch im Wasser bewegt und sei besser gefahren als Andrea de Cesaris und Gachot. Weber hatte Eddie Jordan zuvor über Schumachers Kenntnis der Strecke in Spa getäuscht; als er es vor dem Rennen zugab, beruhigte er den Teamchef mit dem Rat, man solle den Jungen einfach fahren lassen, dann werde alles gut. Schumacher qualifizierte sich am 25. August 1991 als Siebter und schied in der ersten Runde an der Eau Rouge mit Kupplungsschaden aus.
Was danach geschah, entschied eine Laufbahn an einem einzelnen Wort. In dem Letter of Intent vom 22. August 1991, einer Absichtserklärung vor dem eigentlichen Vertrag, war aus "the driver agreement" ein "a driver agreement" geworden. Der bestimmte Artikel meinte den einen, bereits ausgehandelten Vertrag; der unbestimmte meinte irgendeinen künftigen. Aus einer Zusage war damit eine Möglichkeit geworden, an die niemand gebunden war. Weber sagte 2005 gegenüber Motorsport News, diese Änderung habe ihnen das Leben gerettet ("saved our lives"). Ausgelöst hatte den Sinneswandel die Nachricht, dass Jordan 1992 statt der Cosworth Motoren solche von Yamaha bekommen würde, für Weber "not what we really expected".
Beim Wochenende in Monza argumentierte Neerpasch nach dem Bericht von The Race, zwischen Schumacher und Jordan bestehe lediglich eine Verabredung, über eine Verabredung zu sprechen ("an agreement to talk about an agreement"); am Montagabend rief er Tom Walkinshaw von Benetton an. Walkinshaw fasste die Lage später so zusammen: Schumacher habe, aus welchem Grund auch immer, keinen Vertrag mit Jordan gehabt und sei ein freier Mann gewesen.
Danach ging es um Cockpits, nicht mehr um Verträge. Flavio Briatore drängte kurz vor Monza Roberto Moreno aus dem Benetton. Jordan brauchte kurzfristig einen Ersatz und bekam Alessandro Zanardi; dessen Managementrechte, behaupteten Benettons Teammanager Joan Villadelprat und Giuseppe Cipriani gegenüber Jordan, lägen bei Cipriani. Das stimmte nicht. Bernie Ecclestone vermittelte und rief Moreno nachts um drei an, und Jordan verlangte von Moreno zunächst 60.000 Dollar für das frei gewordene Cockpit, was dieser ablehnte. Am Freitagmorgen fuhr Schumacher für Benetton und Moreno für Jordan. Der entscheidende Unterschied war banal und wird oft übersehen: Benetton bezahlte den Fahrer, während Jordan von ihm Sponsorengeld erwartete.
Die Sportwagenjahre sind dabei nicht nur Vorgeschichte, sie sind auch das, was beinahe die ganze Geschichte gewesen wäre. Nach einer Darstellung aus dem Umfeld der Marke plante Mercedes für 1992 einen eigenen Einstieg in die Formel 1, mit Schumacher als Juniorfahrer; als Gachots Cockpit frei wurde, ermöglichte Mercedes den Wechsel zu Jordan finanziell. Belegter ist die Fortsetzung: Das mit Mercedes Unterstützung in die Formel 1 gehende Team Sauber kündigte 1992 Schumacher neben Wendlinger als Fahrer für 1993 an, weil Mercedes weiter Zugriff auf ihn zu haben glaubte. Erst 2010, nach gescheiterten Annäherungen in den Jahren 1995, 1998 und 2006, kam Schumacher als Werksfahrer von Mercedes zurück.
Der Mannschaftsfahrer
Vierzehn Jahre nach Macau kam ein Nachspiel. Beim Race of Champions stehen 14 Starts und sechs Siege zwischen 2004 und 2012. 2004 gewann er ein Sonderduell gegen den Rallye Weltmeister Sébastien Loeb. Den Einzeltitel gewann er dort nie: 2007 und 2009 verlor er jeweils das Finale gegen Mattias Ekström. Was er gewann, gewann er im Team. Von 2007 bis 2012 holte er mit Sebastian Vettel sechsmal in Folge den Nationenpokal für Deutschland, zuletzt 2012 in Bangkok. Der Einzelkämpfer der Formel 1 war ausgerechnet im Showformat der zuverlässige Mannschaftsfahrer.
Am Anfang von alledem stand ein anderer. Jochen Mass, der Routinier, neben dem Schumacher 1990 und 1991 im selben Auto saß, war der Fahrlehrer der Mercedes Junioren und zugleich der Maßstab, an dem sie gemessen wurden. Mass starb am 4. Mai 2025 im Alter von 78 Jahren in Südfrankreich, Wochen nach einem Schlaganfall. Die 51 Starts, die Schumacher außerhalb der Formel 1 fuhr, sind gegen 308 Grand Prix eine kleine Zahl. Sie enthalten seinen ersten Sieg in einer Weltmeisterschaft, den Rundenrekord einer Nacht in Le Mans, die letzte Runde von Macau und die Disqualifikation, mit der alles anfing.